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Warum Urban Sketching? Künstler-Interview mit Stephanie Naglschmid

19.10.2017 geschrieben von Stephanie Naglschmid in Künstler hautnah Künstler hautnah Ratgeber
Stephanie Nagelschmid Urban Sketching Im Stehen

Gerstaecker:       Bitte stellen Sie sich selbst zunächst unseren Lesern kurz vor.

S. Naglschmid: Mein Name ist Stephanie Naglschmid. Ich bin Malerin, Illustratorin und Verlegerin. Im Zuge der Verlagsgründung und dessen thematischer Ausrichtung entstanden viele Illustrationen für inzwischen mehr als 400 wissenschaftliche Fachbücher und Fachmagazinausgaben. Meine wesentliche Arbeitstechnik dafür ist bis heute „Tusche und Aquarell“. Die Techniken und das technische Wissen über das Zeichnen und Malen in unterschiedlichen Stilen eignete ich mir autodidaktisch an und verfeinerte es stetig. Neben den Illustrationen für eigene Buchproduktionen entstanden auch viele Auftragsarbeiten von technischen Gebrauchsgrafiken bis zu musealen wissenschaftlichen Grafiktafeln. Die freie Malerei ist neben den Auftragsarbeiten, zu denen auch viele Portraitbilder gehören, ein wichtiger Bestandteil meiner Kunst. Das Aquarell ist neben Pastell und Öl ein Schwerpunkt  in meinem künstlerischen Schaffen: Das Aquarell passt einfach zum Meer, zum Wasser und als Taucherin ist das mein Medium.


Gerstaecker:     Wie und wo entdeckten Sie ihre Begeisterung für die Kunst?

S. Naglschmid: Seit ich denken kann ist zeichnen und malen für ein wichtiges Ausdrucksmittel. Der erste Impuls ging, als Kind, wohl von Walt Disney aus, der mit seinen Filmen von Fantasia bis hin zum Dschungelbuch sowohl meine Fantasie als auch meine Zeichenlust weckte. Später faszinierten mich die Impressionisten, allen voran Claude Monet. Seine feinen Farbnuancen, seine Bilder voller Licht und Stimmungen waren für mich prägend. Ebenso die Aquarellbilder von Carl Larsson, der mit den Bildern aus seiner häuslichen Umgebung unvergleichliche Eindrücke, sowie ein neues Bildgenre erschuf und damit dem Aquarell zu einer neuen Wertigkeit verhalf.

 

Gerstaecker:     Seit wann betreiben Sie Urban Sketching?

S. Naglschmid: Wenn ich so recht nachdenke… eigentlich schon immer. Früher gab es nur diese Form einer regelrechten Kunstszene so nicht, man war alleine unterwegs und nicht mit anderen Zeichnern vernetzt. Reiseskizzen oder Skizzen allgemein von Landschaften, Menschen, Tieren, Gebäuden und Situationen waren für mich aber schon immer eine wichtige Unterstützung, um Eindrücke frisch und spontan festzuhalten.

 

Stephanie Nagelschmid Urban Sketching Am See

Gerstaecker:     Warum haben Sie sich für Urban Sketching entschieden?

S. Naglschmid: Nachdem ich viele Jahre mit Reisen in Hawaii, Madagaskar, Mauritius, Westküste der USA, Türkei, Kreta, Südfrankreich, Italien, Spanien, Bretagne u.a. unterwegs war, habe ich mich seit 2010 verstärkt meiner heimischen Landschaft zugewandt. In Stuttgart und Baden- Württemberg verbringe ich sehr viel meiner Zeit und hier habe ich vor Ort alle Motive, die mich täglich begleiten. Und genau das ist ja Urban Sketching, eine Art visueller Journalismus, der seine nächste Umgebung in Skizzen festhält. Übrigens gefällt mir auch in diesem Zusammenhang der Begriff Journalismus, was mich an meinen Beruf als Verlegerin erinnert und sich für mich hier auch ein Kreis schließt.

 

Gerstaecker:     Wie wird man Teil der Urban Sketching Community

S. Naglschmid: Das ist eigentlich ganz einfach. Seit sich 2007 diese Bewegung gegründet hat, gibt es zwischenzeitlich in jeder größeren Stadt eine Gruppe, die sich regelmäßig zu einem Sketchcrawl trifft. Die Termine werden meist als Veranstaltungen in facebook gepostet und – hier in der Stuttgarter Gruppe – kann man sich in eine email-Liste eintragen. Die Sketchcrawls finden hier regelmäßig immer am ersten Sonntag im Monat statt und da vereinbart man auch gleich die nächste Location. So kommt man im Laufe des Jahres zu neuen und interessanten Ecken, die man teilweise selber noch nicht gesehen hat. Den Sketchcrawl beschließt man nach 2-3 Stunden meist in einem Café und dann werden die Bilder gezeigt, besprochen, Techniken ausgetauscht. Ein reger Austausch zwischen Gleichgesinnten, der sehr viel Spaß macht. Seine Bilder postet man dann auch auf facebook in der Gruppe, damit alle, die nicht dabei waren einen Eindruck bekommen und man sich so auch weltweit mit anderen Urban Sketchern verbinden kann. Es gibt zwischenzeitlich auch einen gesamtdeutschen Sketchcrawl, der einmal im Jahr stattfindet. Hier kommen dann teilweise bis zu 200 Interessenten zum gemeinsamen Zeichnen zusammen.

Urban Sketching Gruppe Stuttgart: https://www.facebook.com/groups/stusk/

Urban Sketching Grupp Deutschland: https://www.facebook.com/groups/Deutschsprachige.USk/

   

Gerstaecker:     Was für Materialien verwenden Sie zum Urban Sketching?

S. Naglschmid: In meinen beiden Videos erläutere ich die beiden Techniken, mit denen ich meine Skizzen üblicherweise erstelle: In Bleistift und/oder Aquarell. Hier gehe ich auch ausführlich auf die verwendeten Materialien ein. Gerstäcker bietet hier ja ein breitgefächertes Sortiment an, den Techniken sind keine Grenzen gesetzt und ich probiere auch gerne Neues aus.


                                                                Urban Sketching Bleistiftskizze




                                                                Urban Sketching Aquarell


Gerstaecker:     Was macht Urban Sketching für Sie aus?

S. Naglschmid: Beim Urban Sketching trifft sich eine unglaublich vielfältige Gruppe von Menschen, mit einer Leidenschaft: Zeichnen. Hier treffen sich Laien, genauso wie Grafikdesigner, Architekten, Studenten, Musiker und IT-Techniker. Es gibt keine Hierarchie, alle sind gleich und man tauscht sich gerne aus und zeichnet zusammen. Es gibt keine Regeln nur ein paar Vorgaben, die das Urban Sketching auch ausmachen: Es wird nach direkter Vorgabe gezeichnet – nie nach Fotos!  Die Zeichnungen zeigen unsere Umgebung, sei es zu Hause oder unterwegs, und die Zeichnungen sollten die Umwelt wahrhaftig abbilden, also keine Fantasiebilder sein. Erlaubt sind aber auch Zeichnungen auf dem Tablet, sofern sie den o.g. Vorgaben entsprechen.  

 

Gerstaecker:     Wie und wo finden Sie Ihre Motive?

S. Naglschmid: Meine Motive sind weniger von Architektur geprägt sondern mehr von der Natur, von Menschen oder Tieren. Erst beim Zeichnen ist mir auch bewusst geworden, wieviel Grünflächen, Stuttgart und seine Umgebung zu bieten hat. Ich denke, jeder sucht sich aus der Location die Motive, die ihm ins Auge stechen. Und genau das ist ja auch das Besondere, man trifft sich am gleichen Ort und trotzdem sieht jeder etwas anderes oder legt einen anderen Schwerpunkt.

 

Gerstaecker:     Wie gehen Sie an ein neues Bild heran?

S. Naglschmid: Ich betrachte die Szene eine Weile und gehe auch umher um die verschiedenen Perspektiven zu testen. Ich lasse mich inspirieren, sei es durch vorbeigehende Menschen, eine Lichtstimmung oder irgendein Detail, welches mich anspricht. Dann baue ich meine selbstgebaute kleine Staffelei auf und los geht es. Im Stehen kann ich besser arbeiten, die Arme und Hände sind lockerer. Mehr dazu auch in meinen Videos.

     

Gerstaecker:     Inwieweit verarbeiten Sie Persönliches in Ihren Bildern?

S. Naglschmid: Beim Urban Sketching halte ich nur fest, was ich im Moment sehe oder wahrnehme. Das ist ja auch der Sinn von Skizzen. Hier mache ich mir keine Gedanken über Kompositionen, es ist einfach ein freies Zeichnen. Und diese frischen, unverfälschten Eindrücke kann ich dann später, wenn ich es möchte, in meiner Malerei mit weiteren persönlichen Erlebnissen zu komponierten Bildern, Fantasien oder was auch immer verarbeiten.


Stephanie Nagelschmid Urban Sketching Am Ufer

Gerstaecker:     Ändert sich Ihre Wahrnehmung der Umgebung durch das Zeichnen?

S. Naglschmid: Absolut! Man schaut einfach genauer hin. Es fallen einem Dinge auf, die man sonst nicht wahrnimmt. Auch das Übertragen des Motives auf eine zweidimensionale Fläche fordert einen heraus. Wie beginnt man? Soll man in Farbe oder nur mit Bleistift oder Tusche zeichnen? Man versinkt komplett in der Zeichnung und dem Motiv und konzentriert sich darauf. Fast wie eine Art der Meditation. Alle Sinne sind fokusiert.

   

Gerstaecker:     Welche Bedeutung hat das Internet für Sie als Urban Sketcher?

S. Naglschmid: Das Internet ist für mich ein Kommunikationsmittel um mich weltweit zu vernetzen. Vor Jahren noch unvorstellbar, kann ich mich heute mit Gleichgesinnten in Tokio, Barcelona oder Seattle austauschen. Über die Posts lerne ich Menschen kennen, die ich sonst nie treffen würde. Gleichzeitig kann ich meine Bilder und Zeichnungen weltweit präsentieren und erhalte ein reges feedback. Das ist eine wunderbare Entwicklung und eine positive Eigenschaft des Internets.

   

Gerstaecker:     Wie stehen Sie zum Malen von Fotos oder aus der Erinnerung heraus? Kann das auch Urban Sketching sein.

S. Naglschmid: Aus der Erinnerung heraus zu zeichnen ist eigentlich nicht ungewöhnlich. Es gibt so viele bewegte Motive vor Ort, die kann man ja nicht festbinden und da hilft nur gut anschauen und dann mit der Erinnerung nachträglich festhalten. Oftmals hat man auch nicht so viel Zeit um eine Skizze fertigzustellen – weil es zu regnen beginnt oder der Bus, oder der Zug kommt und man weiter muss. Manchmal fügt man in die Skizze nachträglich noch Farbe hinzu. Allerdings sollte der Eindruck noch frisch sein. Unser Gehirn modifiziert und überlagert nach und nach die Eindrücke gerne und daher sollte der zeitliche Abstand nicht so groß sein.

Fotos können für detailreiche Bilder oder Werke, die im Studio gefertigt werden, eine gute Ergänzung sein, aber Skizzen von Fotos zu machen ist für mich keine Option.  

 

Gerstaecker:     Für alle, die sich jetzt für Urban Sketching interessieren: Welche Tipps haben Sie für Neulinge in der Szene?

S. Naglschmid: Einfach loslegen! Es kann nichts schief gehen und man kann sich auch nicht blamieren. Und wenn es zunächst nur Strichmännchen sind, das ist schon ein prima Anfang. Mit einem einfachen Block und ein paar Stiften beginnen, dann stellt man beim Zeichnen so nach und nach fest, was man noch braucht und kauft dann gezielt die Materialien hinzu, die man einsetzen möchte. Das macht dann auch Spaß und man probiert Neues aus. Jeder entwickelt einen eigenen Stil und sieht oft bei anderen was sie verwenden.


Stephanie Nagelschmid Im Atelier

Gerstaecker:     Ein Blick in die Zukunft: Wo soll Ihre künstlerische Reise hin gehen? Haben Sie ein Herzensanliegen für die weitere Entwicklung Ihrer Kunst? 

S. Naglschmid: Es gibt ein Sprichwort, welches lautet: Der Weg ist das Ziel. Da meine Kunst immer direkt auch mit meinem Leben, meinen Erfahrungen und meinen Erlebnissen verbunden ist, kann ich keine klare Aussage dazu machen. Vieles muss man auch auf sich zukommen lassen und Kreativität kann man glücklicherweise auch nicht wirklich planen. Es gibt in unserer Zeit so viele Veränderungen und  Entwicklungen, auch neue Materialien und Werkstoffe, die ganz neue Ausdrucksmöglichkeiten für Künstler eröffnen. Die Zeit ist so spannend, meine Devise ist daher: Immer offen bleiben, Neues ausprobieren und Bewährtes mit einbinden. Naja… und da gibt es viel zu tun.


Vielen Dank für das Interview.


Infos zu Stephanie Naglschmid und ihren Arbeiten:

www.galerie-naglschmid.de

Weitere Werke: